fake news haben Tradition

Wintersemester 2017 / 2018

fake news, der gekürte Anglizismus des Jahres 2016, hat im Zuge jüngerer politischer Entwicklungen in der westlichen Welt dank modernster Medien einen eigenen gesellschaftlichen Stellenwert bekommen. Da entsprechende Meldungen eine suggestive Absicht unter Vernachlässigung des Wahrheitswertes verfolgen, stellt diese Entwicklung auch eine besondere Herausforderung an die Grundlagen allen wissenschaftlichen Arbeitens, das um eine möglichst objektive und nachvollziehbare Urteilsfindung bemüht ist. Hier besteht zweifelsohne ein starker Bezug in die Öffentlichkeit, namentlich der Nahtstelle von Politik und Wissenschaft.

Falschmeldungen, deren Erfindung einzig dem Zweck dient, durch gezielte Weiterverbreitung bewusst zu täuschen, zu schädigen oder bestimmte Inhalte zu propagieren, sind schon vor Jahrtausenden nachweisbar. So ließen die Hethiter 1274 v. Chr. in der Schlacht von Kadesch den ägyptischen Pharao Ramses II. über den vermeintlichen Aufenthaltsort ihrer Truppen informieren, um unvermittelt angreifen zu können, befolgte der judäische Usurpator Absalom einen Rat, der ihm gezielt gegeben wurde, um ihn ins Verderben zu stürzen, oder findet sich die Fabrikation von Siegesbildern (Tropaia, Gefangene, sich Unterwerfende) während der römischen Kaiserzeit vor allem in militärisch prekären Situationen oder sogar in Verknüpfung mit deutlichen Niederlagen. Zu beobachten ist, dass z.B. Personen in Machtpositionen, Gelehrte und/oder Handwerker Geschichten, Dokumente und Monumente „erfinden“, um einer Meinung Geltung zu verschaffen. Früher wie heute finden sich diese Falschmeldungen sehr häufig in Kontexten von – politischem wie religiösem – Machterwerb, Machtausübung und Machterhalt.

Ziel des Seminars und der Ausstellung ist es, die historische Tiefendimension des aktuell diskutierten Themas anhand von schriftlichen Dokumenten und Artefakten aufzuzeigen. Dazu gehört sowohl eine Diskussion der Problematik, wie gefälschte, (teilweise) falsche und ‚wahre‘ Informationen (heute) als solche erkannt werden können, als auch die Beschäftigung mit Konstruktion, Verbreitung und Zielen von fake news sowie mit den Situationen, in denen solche generiert werden. Zu fragen ist auch, wie/wann/wo bzw. mit welcher spezifischen Zielrichtung einerseits Bilder/Figuren und andererseits Text(teil)e/Begriffe (für sich genommen oder ergänzend zueinander) eingesetzt werden. Besonderes Augenmerk gilt hierbei kultur- und/oder zeitübergreifenden Konstanten bzw. Unterschieden, was durch die Interdisziplinarität des Seminars, speziell die Thematisierung europäischer und außereuropäischer Evidenzen, besonders gut ermöglicht wird.

Im besonderen Maße für die beteiligten nicht-archäologischen Fächer wird den Studierenden die Möglichkeit gegeben, eine neue Präsentationsform ihres erarbeiteten wissenschaftlichen Erkenntnisstandes zu erlernen. Strukturell soll die Ausstellung in mehrere Felder münden. Darzustellen sind die besondere Problematik von fake news aus altertumswissenschaftlicher Sicht, genutzte Informationsmedien (Materialien), sowie verschiedene ‚Typen‘ von fake news (jeweils anhand von konkreten Beispielen, jeweils aus allen drei Disziplinen). Während für das erste Feld ausschließlich Kurztexte erarbeitet werden, ist die Behandlung der anderen beiden Felder jeweils durch eine Kombination von Objekten, Abbildungen und Kurztexten visuell umzusetzen. Die Objekte können alle aus den universitären Sammlungen der beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden.

In die Ausstellung zu integrierende Objekte sind u.a. Gipsabgüsse von Statuen und Münzen (ergänzt um Abbildungen von Staatsmonumenten), sowie Textträger, die bereits ungeachtet ihrer Inschrift Autorität signalisieren, wie monumentale Reliefinschriften (in der Ausstellung exemplarisch durch Projektion visualisierbar) oder vom gängigen Format der kissenförmigen Tontafel abweichende Tonzylinder. Biblische Texte sind selbst keine „primäre Evidenz“, sondern sie berichten nur darüber – in dieser Transmission kann es zu beabsichtigten und unbeabsichtigten „fakes“ kommen: Dieser Prozess soll mithilfe geeigneter Objekte (Demonstration der sukzessiven Entstehung und Bearbeitung biblischer Texte vor dem Hintergrund geeigneter epigraphischer Zeugnisse [Faksimile / Foto]) veranschaulicht werden.

Die von den Dozent/innen vertretenen, unterschiedlichen historisch orientierten Geisteswissenschaften (Altorientalistik, Alttestamentliche Wissenschaft und Klassische Archäologie) erlauben in der Ausrichtung auf die jeweiligen Bereiche und durch die Nutzung der jeweiligen Methodensets, einen vielschichtigen Blick auf das beschriebene Phänomen zu werfen. In der Kombination von Seminar und Ausstellung werden die Studierenden an das interdisziplinäre Arbeiten herangeführt und befähigt, die Ergebnisse ihrer Arbeiten über die jeweilige scientifc community hinaus exemplarisch zu vermitteln. Thematisch fügt sich die Veranstaltung in den Themenschwerpunkt des Studium Generale im SoSe 2018 "Was ist Wahrheit?".

Die im Seminar behandelten Fragestellungen und insbesondere die visuelle Umsetzung der Ergebnisse stellen in den beteiligten Fachdisziplinen eine neue Herausforderung dar. Da "Wahrheit" als wissenschaftliche Kategorie nicht existiert, ist die Rekonstruktion von Wahrscheinlichkeiten in besonderer Weise zu thematisieren. Das heißt, dass die wissenschaftliche Sekundärliteratur ebenso auf dem Prüfstand steht, wie das (behauptete) historische Ereignis, das (durch Forschungen) als fake einzustufen ist. Insofern darf dem Seminar ein besonders hoher Stellenwert des forschenden Lernens zugemessen werden.

Die Zusammenarbeit von Vertretern textbasierter Disziplinen mit solchen materialbasierter Fächer eröffnet nicht nur die Möglichkeit, in unmittelbarer Gegenüberstellung Eigengesetzlichkeiten und unterschiedliche Aussagenpotentiale der verschiedenen Quellengattungen grundlegend zu thematisieren, sondern ermöglicht auch eine (insbesondere für die beteiligten philologischen Fächer) innovative Umsetzung von Lern- und Forschungsergebnissen in das Format einer Ausstellung.