Entstehung von Bildlichkeit im frühen Griechenland

Prof. Dr. Klaus Junker

Recht unmittelbar und mit großer Bestimmtheit trat gegen 770 v. Chr. in der griechischen Welt die Praxis hervor, vielfigurige Bilder herzustellen. Aufwendig getöpferte Tongefäße, die in erster Linie im Totenkult eingesetzt wurden, dienten als Bildträger für die Wiedergabe vor allem von Totenfeiern und Kampfszenen. Etwa zwei Generationen später wurden auch Bilder geschaffen, die sich auf Mythenstoffe und damit auf bestimmte Personen und auf einmalige Vorgänge beziehen. Eine Vorreiterrolle bei diesem Vorgang spielte Athen, von wo vielfältige Anregungen in andere Regionen ausgingen. Das plötzliche Aufblühen von Bildlichkeit ist um so bemerkenswerter, als die technisch-künstlerischen Voraussetzungen schon mehrere Generationen lang gegeben waren: nicht-figürlich bemalte Prunkgefäße wurden in verschiedenen Gebieten der griechischen Welt hergestellt, und durch Importe aus dem Orient war man auch mit szenischen Darstellungen vertraut.

In der klassisch-archäologischen Forschung dominiert im Umgang mit dem Phänomen Bildlichkeit im frühen Griechenland eine stark segmentierende Betrachtungsweise. Systematisch untersucht wurden insbesondere die Bildproduktion einzelner Regionen, die Bedeutung einzelner Motive, der Übergang von den lebensweltlichen zu den mythologischen Bildern und das Verhältnis zwischen den Bildern und der frühgriechischen Literatur.

Das Forschungsprojekt möchte in zwei Richtungen über die bisherige Forschung hinaus­gehen. Zunächst soll eine umfassende Dokumentation der Bildproduktion im griechischen Raum für den Zeitraum von etwa 1000 bis 650 v. Chr. erarbeitet werden. Die archäologische Überlieferung kann als so dicht eingeschätzt werden, dass die erhaltenen Zeugnisse ein repräsentatives Bild der tatsächlichen Verbreitung ergeben. Ziel dabei íst nicht eine Dokumentation jedes Einzelwerks, sondern die charakterisierende Darlegung aller wesentlichen Erscheinungen auf dem Feld der Bildpro­duktion.

Auf der Grundlage einer solchen Dokumentation sollen anschließend grundlegende Fragen verfolgt werden, die über das engere Feld der Klassischen Archäologie weit hinausreichen. Die Leitfrage des Vorhabens lautet: Wozu braucht eine Gesellschaft Bilder? Unter welchen Bedingungen setzt diese Praxis ein? Aus dieser übergeordneten Fragestellung ergeben sich verschiedene Untersuchungsfelder. Hierzu einige Stichworte:

  • Wie hängt die Spiegelung der Lebenswelt im Bild mit der Verdichtung von Siedlun­gen zusammen? Ist die Schaffung eines Bilddiskurses ein Symptom für "Polisbildung"?
  • Die Entstehung von Bildlich­keit und von Schriftlichkeit (Epos, Lyrik, frühe Philoso­phie) sind zwei synchrone Prozesse. Ob hier auch ein ausgeprägter innerer Zusammenhang besteht, wurde bisher erst ansatzweise diskutiert.
  • Welche Bedeutung haben äußere Anregungen für die Entstehung von Bildlichkeit im frühen Griechenland? Durch Importe waren figürliche Darstellungen aus dem Vorderen Orient bekannt. Daneben ist auch eine Beschäftigung der frühen Griechen mit den materiellen Zeugnissen der unter­gegangenen mykenischen Hochkultur in den Blick zu nehmen.
  • Auf methodologischem Gebiet soll die Auseinandersetzung mit Erklärungsmodellen, wie sie in der Prähistorie und der Anthropologie für vorgeschichtliche Kontexte sowie in der Kunstethnologie für die afrikanische und andere außereuropäische Kunst entwickelt worden sind, eine wesentliche Rolle spielen. Bei allen Unterschieden in der konkreten Ausprägung der Darstellungen lässt die gemeinsame Betrachtung aufgrund des analogen Charakters der generellen Phänomene einen hohen Erkenntnisgewinn erwarten.