Das suburbane Heiligtum von Kako Plaï auf dem Anavlochos/Kreta

Dr. Oliver Pilz

in Zusammenarbeit mit Dr. Michael Krumme (DAI Zentrale) und Dr. Maia Pomadère (Université de Picardie)

Lage

Der mit dem modernen Namen Anavlochos bezeichnete Höhenzug (Abb. 1) befindet sich im östlichen Teil Kretas zwischen den heutigen Orten Malia und Neapoli unmittelbar nördlich des Dorfes Vrachasi. Am südlichen Fuß des Anavlochos verläuft durch die Schlucht von Selinari noch heute der wichtigste Verbindungsweg von der Nordküste Zentralkretas zum Golf von Mirabello. Siedlung und Heiligtum auf dem Anavlochos liegen damit in der Kontaktzone zwischen dem zentralkretischen Raum, der äußeren Einflüssen von alters her stärker aufgeschlossenen ist, und dem eher konservativen eteokretischen Ostteil der Insel.

Die Siedlung auf dem Anavlochos

Oberflächenfunde von Keramik auf dem Gipfel A (Abb. 2) deuten darauf hin, dass die Siedlungsaktivitäten dort bis in die Periode Spätminoisch IIIC (ca. 1200-1000 v. Chr.) hinaufreichen. Ihrem Charakter nach hat es sich ursprünglich um eine gut zu verteidigende Höhensiedlung, ein sogenanntes defensible settlement gehandelt [1].
Im Jahr 1929 untersuchte der französische Archäologe Pierre Demargne in einer kurzen Grabung den Bereich nordöstlich des Gipfels B (Abb. 2) und legte dort Reste von Terrassen- und Hausmauern frei. Die gefundene Keramik lässt darauf schließen, dass sich in diesem Bereich die geometrisch-archaische Siedlung befand. Sie erstreckte sich auf dem Sattel zwischen den Gipfeln A und B sowie an deren südöstlichen bzw. nördlichen Abhängen (Abb. 2). Weder die von Demargne durchgeführten Sondagen, noch die Untersuchung des gesamten Areals mit extensiven Survey-Methoden durch Krzysztof Nowicki haben Anhaltspunkte für eine Besiedlung in klassischer oder späterer Zeit erbracht. Man muss deshalb davon ausgehen, dass die Siedlung im Verlauf des 6. Jhs. v. Chr. von ihren Bewohnern verlassen wurde.

Das Heiligtum von Kako Plaà¯

An der nordöstlichen, steil abfallenden Flanke des Gipfels A stieß Demargne bei der erwähnten Grabungskampange in der Flur Κακό Πλάι (Abb. 2) auf eine umfangreiche Ansammlung von Votivmaterial. Vor allem wegen des Fehlens architektonischer Reste vermutete er, dass es sich um eine Erdabschüttung aus einem oberhalb des Fundplatzes gelegenen Heiligtum handele. Bei einer Begehung des Areals konnte die Fundstelle des Votivmaterials im Mai 2007 auf Grundlage des von Demargne erstellten topographischen Plans erneut lokalisiert werden. Sie ist noch heute deutlich an einer starken Konzentration von Keramik auf einem eng begrenzten Raum erkennbar. Oberhalb des Fundplatzes, der auf einer kleinen Terrasse liegt, steigt das Gelände in südwestlicher Richtung sehr steil an und geht teil-weise in Felsformationen über. Wäre das Votivmaterial tatsächlich durch Erosion von einem oberhalb der Fundstelle gelegenen Bereich an seinen späteren Fundort gelangt, hätte es sich, der Beschaffenheit des Geländes nach zu urteilen, über eine weit größere Fläche verteilen müssen. Es erscheint daher wahrscheinlicher, dass das Heiligtum in der unmittelbaren Umgebung des Fundplatzes der Votive zu suchen ist. Da im weiteren Umkreis des Votivdepots keine nennenswerten Keramikfunde oder architektonischen Reste zu verzeichnen sind, wird es sich bei dem hypäthralen Kultplatz um ein suburbanes Heiligtum gehandelt haben, das zu der etwa 200 bis 300 m südöstlich gelegenen Siedlung gehörte (Abb. 2).

Das Fundspektrum umfasst Keramik und überwiegend kleinformatige Weihgaben, darunter hand- und matrizengeformte Terrakotten sowie zahlreiche Spinnwirtel. Objekte aus Metall oder anderen kostbareren Materialien fehlen dagegen vollständig. Bei den Terrakotten handelt es sich um insgesamt etwa 120 teilweise stark fragmentierte Tonfiguren und -reliefs (Abb. 3. 4), die sich über den Zeitraum von der protogeometrischen bis zur klassischen Zeit verteilen. Unter den Keramikfunden sind zahlreiche Fragmente undekorierter Trinkgefäße sowie einige Bruchstücke großer Pithoi, die mit eingestempelten oder -geritzten Ornamenten wie Rosetten, Wellenbändern und konzentrischen Kreisen verziert sind, zu nennen.

Eine einzigartige Gruppe von Figurenvasen bildet zweifellos den interessantesten Fundkomplex aus dem Heiligtum von Kako Plaà¯. Erhalten sind mindestens neun handgeformte Köpfe (Abb. 5), die an ihrem unteren Abschluss Zapfen aufweisen. Diese Köpfe waren, wie die beiden vollständig erhaltenen Gefäße zeigen (Abb. 6), in scheibengedrehte Körper eingesetzt. Da die Köpfe nicht nur in qualitativer Hinsicht, sondern auch in ihrer stilistischen Ausprägung beträchtliche Unterschiede aufweisen, kann man davon ausgehen, dass sich die Gruppe über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt hat. Einzelne Köpfe, die deutlich in mykenischer Tradition stehen, lassen vermuten, dass die frühesten Exemplare der Gruppe bereits in der protogeometrischen Zeit entstanden sein könnten.

Zielstellung

Zwar hatte Demargne bereits 1931 einen kurzen Bericht über seine Forschungen auf dem Anavlochos veröffentlicht [2], doch ist darin weder die Keramik noch das Votivmaterial aus dem Heiligtum von Kako Pla௠auch nur annähernd vollständig publiziert worden. Stattdessen wurden die Funde lediglich äußerst summarisch behandelt und nur zu einem geringen Teil in Abbildungen vorgelegt, so dass die erneute Beschäftigung mit diesem wichtigen Fundkomplex dringend erforderlich erschien [3]. Erst auf der Grundlage einer vollständigen Publikation wird es möglich sein, konkrete Aussagen über den Charakter des Kultes sowie die Intensität der Nutzung des Heiligtums treffen zu können.

Die Entwicklung eines suburbanen Kultplatzes unterliegt nicht nur den allgemeinen Veränderungen in der Kult- und Weihpraxis, sondern vollzieht sich darüber hinaus in enger Wechselwirkung mit der Genese der Siedlung oder Polis, zu der das jeweilige Heiligtum gehörte. Im Hinblick auf das Heiligtum von Kako Pla௠soll untersucht werden, welche konkreten Funktionen dieser Kult erfüllt hat und welche Rückschlüsse sich möglicherweise aus dem Votivmaterial auf die sozialen Strukturen innerhalb der Siedlung ziehen lassen.

[1] K. Nowicki, Defensible Sites in Crete, c. 1200-800 B.C., Aegaeum 21 (Liège 2000) 171 f.

[2] P. Demargne, Recherches sur le site de l'Anavlochos, BCH 55, 1931, 365-407.

[3] O. Pilz - M. Krumme, Il deposito votivo di KakಠPla௠sull'Anavlochos: risultati preliminari dell studio dei materiali, in: G. Rizza (Hrsg.), Identità culturale, etnicità , processi di trasformazione a Creta fra Dark Age e Arcaismo. Per i cento anni dello scavo di Prinià s 1906-2006 (Convegno di studi, Atene 9-12 novembre 2006) (Catania 2011) 323-332.