Zwischen Identitätskonstruktion und Unterweltsvorstellungen (2016)

Internationales Kolloquium vom 10. - 11. November 2016

Der Umgang mit Verstorbenen gehört zu den zentralen Momenten im Leben einer Person. Die dabei beobachtete Vorgehensweise ist stark von der jeweiligen Gesellschaft geprägt. Anlage und Ausstattung von Gräbern sowie die mit dem Begräbnisvorgang und den Gräbern verbundenen Rituale spiegeln - in verschiedenen Brechungen - die ihnen korrespondierende Gesellschaft und deren Umfeld. Daher können Gräber und Begräbnisvorgang unter bestimmten Voraussetzungen zur Rekonstruktion der betreffenden gesellschaftlichen Realität und ihres Umfeldes herangezogen werden. Zu den Hinweisen, die Bestattungen und Bestattungswesen geben können, gehören beispielsweise die topographische Organisation des Umfeldes einer Nekropole (z.B. Verkehrsachsen, Stadtgrenzen), Hinweise auf die soziale Organisation einer Gesellschaft (z.B. Einteilung in bzw. Charakterisierung von bestimmten Statusgruppen), auf Leitbilder oder auch auf religiöse Vorstellungen. Die Fülle der existierenden Befunde macht es zudem möglich, in diesen und weiteren Punkten sowohl regionale Besonderheiten als auch diachrone Veränderungen zu verfolgen.

Das für den 10./11. November 2016 geplante Kolloquium ist vor allem auf zwei Aspekte hin ausgerichtet. Auf inhaltlicher Ebene soll die mögliche Bedeutungsvielfalt von Grabgestaltung ausgelotet und gefragt werden, ob, mit welcher Genauigkeit und anhand welcher Kriterien sich die einzelnen Elemente der Grabausstattung im Spannungsfeld zwischen Identitätskonstruktion und Unterwelts-Vorstellungen verorten lassen. Dementsprechend werden Typ und Ausführung der äußeren Markierung, Grabform und Beigaben immer wieder unter der Frage betrachtet, ob sie Auskunft über (tatsächliche oder beanspruchte) soziale Zugehörigkeit, Status und Leitbild-Adaptionen geben. Zugleich wird überprüft, ob sie zusätzlich oder stattdessen, in einem Bestandteil (z.B. Bildschmuck eines Objekts) oder als Ganzes auf Unterweltsvorstellungen verweisen. Am Ende einer jeden Untersuchung soll dann diskutiert werden, welche zur Grabgestaltung gehörenden Elemente in ihren Aussagen polyvalent sind und welche - immer, vorwiegend, oder nur im untersuchten Fall? - an eine bestimmte ‚Aussagenkategorie‘ (z.B. Status, Religion) gebunden sind. In Anbetracht dessen, dass Identitätskonstruktionen und Unterwelts-Vorstellungen nicht nur an sich in unterschiedlichen ‚Landschaften‘ verschiedenartig ausgeprägt sind und sich dort über die Jahrhunderte immer wieder verändern, sondern dass auch die Form, in der die Vorstellungen zum Ausdruck kommen, Abweichungen und Änderungen unterliegt, werden im Rahmen des Kolloquiums Fallbeispiele aus unterschiedlichen griechischen ‚Landschaften‘ und unterschiedlichen Epochen vorgestellt. Ergänzend wird eine spezifische Untersuchung bestimmter sozialer Gruppen (Kindergräber), in spezifischer Weise ausgestatteter Gräber (Waffengräber, Gräber mit Theater-Elementen) und an spezifischen Orten gelegener Gräber (Gräber in Hippodromen) vorgenommen. Im Vergleich der in den einzelnen Vorträgen erarbeiteten Ergebnisse soll somit im Laufe des Kolloquiums auch eine Vorstellung von orts- bzw. ‘landschafts‘-spezifischen Charakteristika, gruppenspezifischen Charakteristika und diachronen Veränderungen entstehen.

Da das Thema der Unterweltsvorstellungen im (mutterländischen) griechischen Grabkontext bisher noch wenig behandelt wurde, werden dem Programm zwei Grundsatzreferate vorgeschaltet, von denen das eine in allgemeinerer Weise griechische Unterweltsvorstellungen und mit diesen verbundene Objekte und Bilder behandelt, während das zweite anhand einer konkreten Nekropole Methoden und Möglichkeiten der Analyse von Grabkontexten mit Hinblick auf Unterweltsvorstellungen diskutiert. Auf Material-Ebene sollen Kolloquium und darauffolgende Veröffentlichung dazu genutzt werden, bisher unpublizierte Befunde aus Griechenland in den wissenschaftlichen Diskurs einzuspeisen. Im Rahmen des Kolloquiums werden daher vor allem solche griechischen Kollegen versammelt, die in den letzten Jahren zu diesem Themenbereich wichtige, unser Bild verändernde Grabungen durchgeführt haben oder Wissenschaftler, die Zugang zu unpubliziertem Material besitzen.